Schweiz, Montag (Brief): E.H. in München

Schweiz, 12. Okt 36.
Meine liebe Elisabeth!
Endlich komme ich dazu Dir genauer zu schreiben. Also am Freitag war ich den ganzen Tag bei Scherchen in Talwill. Mein „symphonisches Fragment“ findet Scherchen ganz ausgezeichnet. Mein Weg in menschlicher wie in künstlerischer Hinsicht geht gleichmäßig und stetig vorwärts. Er findet meinen Stil äußerst stark und persönlich und (was mir wichtig ist) von mir allein – und nichts gestohlen von anderen! Über meine Melodiebildung wollte er wissen, wie ich dies arbeite – wie ich diese konstruiere – aber leider ich konnte ihm nichts sagen – ich weiß es selbst nicht; denn jetzt beginnt bei mir, das ausbreiten in eine Welt, wo nur wenige hinkommen – (meint Scherchen).
Nachmittags haben wir 4 Stunden (von 2 h – 6 h) gearbeitet, da habe ich dann einen Vortrag bekommen, was ich beim Komponieren alles noch berücksichtigen soll. Da habe ich enorm viel gelernt.
Herr Büchtger hat an Scherchen geschrieben und hat sein neues Orchesterwerk (Kammerorchester) angeboten. Scherchen frug mich ob ich Büchtger für ein Talent halte, darauf ich antwortete, daß ich Büchtger für völlig untalentiert halte – darauf Scherchen mir sagte, daß er die gleiche Meinung habe. Scherchen an Büchtger:
„Sehr verehrter Herr Büchtger!
Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen. Ich interes[s]iere mich für Ihr Werk. Schreiben Sie mir bitte etwas von Ihnen – was Sie tun und was Sie denken – aber ehrlich muß es sein
Ihr Scherchen.“
Ich bin neugierig auf die Antwort. –
Für Baden-Baden [schreibe] ich Dir einen Brief – senden [sic] ihn bitte weiter. Die Partitur geht bald ab.
Für Paris habe ich viel Aussicht. Ich schreibe nochmals einen Brief an Osterc. An den Brief schreib[t] auch Scherchen. Überhaupt Scherchen ist, wie auch seine Frau äußerst reizend.
Erzähle niemand von Baden-Baden erst wenn angenommen (auch Deine[n] Eltern nicht) Der Verlag hat nicht mehr Fräulein Escher sondern Madame Badaux, aber das passt mir nicht – da muß ich einen Sprich [Strich] durchmachen.
Nun lebe wohl ich umarme Dich und bleibe Dein Krl.
Bleibe mir mit unserm Bub gesund.
Vergiss nicht, die Stagma-Nachrichten mir bald zu senden. Rufe Adolf mal an!! Den Brief an Baden-Baden habe ich schon weitergesandt.

Schweiz, Montag (Brief): E.H. in München

Schweiz, 12. Okt 36.
Meine liebe Elisabeth!
Endlich komme ich dazu Dir genauer zu schreiben. Also am Freitag war ich den ganzen Tag bei Scherchen in Talwill. Mein „symphonisches Fragment“ findet Scherchen ganz ausgezeichnet. Mein Weg in menschlicher wie in künstlerischer Hinsicht geht gleichmäßig und stetig vorwärts. Er findet meinen Stil äußerst stark und persönlich und (was mir wichtig ist) von mir allein – und nichts gestohlen von anderen! Über meine Melodiebildung wollte er wissen, wie ich dies arbeite – wie ich diese konstruiere – aber leider ich konnte ihm nichts sagen – ich weiß es selbst nicht; denn jetzt beginnt bei mir, das ausbreiten in eine Welt, wo nur wenige hinkommen – (meint Scherchen).
Nachmittags haben wir 4 Stunden (von 2 h – 6 h) gearbeitet, da habe ich dann einen Vortrag bekommen, was ich beim Komponieren alles noch berücksichtigen soll. Da habe ich enorm viel gelernt.
Herr Büchtger hat an Scherchen geschrieben und hat sein neues Orchesterwerk (Kammerorchester) angeboten. Scherchen frug mich ob ich Büchtger für ein Talent halte, darauf ich antwortete, daß ich Büchtger für völlig untalentiert halte – darauf Scherchen mir sagte, daß er die gleiche Meinung habe. Scherchen an Büchtger:
„Sehr verehrter Herr Büchtger!
Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen. Ich interes[s]iere mich für Ihr Werk. Schreiben Sie mir bitte etwas von Ihnen – was Sie tun und was Sie denken – aber ehrlich muß es sein
Ihr Scherchen.“
Ich bin neugierig auf die Antwort. –
Für Baden-Baden [schreibe] ich Dir einen Brief – senden [sic] ihn bitte weiter. Die Partitur geht bald ab.
Für Paris habe ich viel Aussicht. Ich schreibe nochmals einen Brief an Osterc. An den Brief schreib[t] auch Scherchen. Überhaupt Scherchen ist, wie auch seine Frau äußerst reizend.
Erzähle niemand von Baden-Baden erst wenn angenommen (auch Deine[n] Eltern nicht) Der Verlag hat nicht mehr Fräulein Escher sondern Madame Badaux, aber das passt mir nicht – da muß ich einen Sprich [Strich] durchmachen.
Nun lebe wohl ich umarme Dich und bleibe Dein Krl.
Bleibe mir mit unserm Bub gesund.
Vergiss nicht, die Stagma-Nachrichten mir bald zu senden. Rufe Adolf mal an!! Den Brief an Baden-Baden habe ich schon weitergesandt.

  • Date
  • 12 Oct 1936

(P: Winterthur), Samstag (Karte): E.H. in München (K: 31)

Meine Liebe.
Am Donnerstag bin ich mit Scherchen und Frau nach Zürich gefahren. Am Freitag nachmittag haben wir von 1 h – ½ 6 h mein „Symphonisches Fragment“ durchgearbeitet – darüber schreibe ich Dir morgen ausführlich. Mein „miserae“ ist für London fest. Ich werde mein Streichquartett nach Baden-Baden einsenden – Scherchen meint es das Beste – auch darüber schreibe ich Dir im Brief.
Bleibe Du mein Lieb mit unsern [sic] lieben Bub gesund in dieser ernsten Zeit
Dein Karl küßt Dich innig.
Grüße mir bitte Deine lieben Eltern herzlichst.

(P: Winterthur), Samstag (Karte): E.H. in München (K: 31)

Meine Liebe.
Am Donnerstag bin ich mit Scherchen und Frau nach Zürich gefahren. Am Freitag nachmittag haben wir von 1 h – ½ 6 h mein „Symphonisches Fragment“ durchgearbeitet – darüber schreibe ich Dir morgen ausführlich. Mein „miserae“ ist für London fest. Ich werde mein Streichquartett nach Baden-Baden einsenden – Scherchen meint es das Beste – auch darüber schreibe ich Dir im Brief.
Bleibe Du mein Lieb mit unsern [sic] lieben Bub gesund in dieser ernsten Zeit
Dein Karl küßt Dich innig.
Grüße mir bitte Deine lieben Eltern herzlichst.

  • Date
  • 10 Oct 1936

(P: Winterthur), Donnerstag (Karte): E.H. in München (W: 8)

Mein Lieb
Gestern habe ich in meinem Geldbeutel 10 M gefunden statt 8 M. ich habe das Geld nicht gewechselt ich bringe die 10 M wieder nach hause, denn ich bekomme für 10 M – 10 fr. 50 Rappen. Wenn Du mir 10 M schickst so bekomme ich 17 fr. – also 7 fr. mehr. Ich bekomme mein Geld von der Bank erst in 8 Tagen. Ich wäre Dir dankbar, wenn du mir 10 M schicken würdest – dafür bringe ich die 10 M wieder heim.
Jetzt muß ich zu Scherchen mit der Partitur des Fragments. Ich komme am 29. oder 30. Okt. nach hause. Ich bleibe stets Dein Karl.
Scherchen meint ich soll unbedingt nach Baden-Baden einschicken. Darüber schreibe ich Dir noch genauer.
Schicke mir bald die Stagma-Nachrichten.

(P: Winterthur), Donnerstag (Karte): E.H. in München (W: 8)

Mein Lieb
Gestern habe ich in meinem Geldbeutel 10 M gefunden statt 8 M. ich habe das Geld nicht gewechselt ich bringe die 10 M wieder nach hause, denn ich bekomme für 10 M – 10 fr. 50 Rappen. Wenn Du mir 10 M schickst so bekomme ich 17 fr. – also 7 fr. mehr. Ich bekomme mein Geld von der Bank erst in 8 Tagen. Ich wäre Dir dankbar, wenn du mir 10 M schicken würdest – dafür bringe ich die 10 M wieder heim.
Jetzt muß ich zu Scherchen mit der Partitur des Fragments. Ich komme am 29. oder 30. Okt. nach hause. Ich bleibe stets Dein Karl.
Scherchen meint ich soll unbedingt nach Baden-Baden einschicken. Darüber schreibe ich Dir noch genauer.
Schicke mir bald die Stagma-Nachrichten.

  • Date
  • 8 Oct 1936

(P: Winterthur), Mittwoch (Karte): E.H. in München (K: 31)

Mein Lieb!
Eben war ich bei Scherchen. Er ist begeistert von dem Text des „Symphonischen Fragments. Seine Frau ist auch da. Er war äußerst nett und liebenswürdig zu mir. Morgen soll ich um 7 h Uhr zu ihm kommen.
Grüße mir bitte Deine lieben Eltern
Ich bleibe stets Dein Karl.
Rufe bitte Adolf an.

(P: Winterthur), Mittwoch (Karte): E.H. in München (Königinstr. 31/0) K. A. Hartmann Winterthur Pfarrgasse 2 bei Klemm

Meine liebe Elisabeth –
oh – der Schnee – der Bodensee Wellengang – ich bin gut in Winterthur angekommen. Hier ist tiefer Winter – Ich schreibe Dir bald. Rufe Adolf an daß ich gut angekommen bin.
Ich bleibe stets Dein Karl
Grüße bitte Deine lieben Eltern. Sabinden geht es nicht so schlecht.

(P: Winterthur), Mittwoch (Karte): E.H. in München (Königinstr. 31/0) K. A. Hartmann Winterthur Pfarrgasse 2 bei Klemm

Meine liebe Elisabeth –
oh – der Schnee – der Bodensee Wellengang – ich bin gut in Winterthur angekommen. Hier ist tiefer Winter – Ich schreibe Dir bald. Rufe Adolf an daß ich gut angekommen bin.
Ich bleibe stets Dein Karl
Grüße bitte Deine lieben Eltern. Sabinden geht es nicht so schlecht.

  • Date
  • 7 Oct 1936

München, Sonntag (Brief): KAH in der Schweiz

München, den 13. Nov. 1938.

Mein lieber Karl!
Herzlichen Dank für Deine Karten. Ich verstehe Dich nur allzu gut und glaube mir, daß ich mit Dir fühle. Doch gib bitte Deinen Gefühlen nicht nach, jeder Mensch muß damit fertig werden. Und Du bist ja noch so jung und mußt deine Kraft und Nerven aufrecht erhalten. Du wirst beruflich noch viel, viel Kampf haben, bestimmt aber mit Erfolg, davon bin ich fest überzeugt: Immer wieder muß ich Dir sagen, Mut! sei zuversichtlich wir erreichen unser Ziel und haben schon viel erreicht.
Gestern kam die Antwort aus Belgien wegen des Preisausschreibens. In Liege (Lüttich) ist ein Internationales Preisausschreiben für den „Guillaume Leken“ Preis. Er ist zu Ehren des Wallonischen Komponisten. Es ist dort eine Ausstellung des Wassers unter dem Hauptvorsitz von Monsieur G. Bodinanx. Es werden 2 Preise verteilt. Der 1. Preis zu 20,000 frs., der zweite Preis zu 15,000 frs. und neun (9) weitere Werke werden mit je 1000 frs. belohnt. Die Komponisten dürfen nicht über 35 Jahre alt sein. Bis 1. Januar muß der Komponist schriftlich Mitteilung machen, ob er sich beteiligen möchte. Vorzutragende Werke: Es muß ein unveröffentlichtes Werk sein für großes Symphonieorchester und muß als Thema das Wasser behandeln. Sei es die Maß [Maas], die Schelde, die Iser, die Sündflut, der Strom, die Flut, die Überschwemmung, das Meer oder d. Quelle. Das Werk kann in einer oder mehrere Partien geschrieben sein. Es soll 15 Min. lang sein aber nicht länger als 20 Min. Die Partituren welche der Jury vorgelegt werden, müssen einen undiskutablen musik. u. Orchesterwert haben. Auch ein Klavierauszug muß vorgelegt werden, außerdem kann man das Werk selbst am Klavier vorspielen oder vorspielen lassen. Das Werk muß spätestens am 15. Feb. 1939 eingeliefert werden. Die Jury besteht aus 5 Herren, davon 3 Belgiern, den Vorsitz hat ein Belgier (Namen sind nicht genannt). Die prämierten Werke werden gedruckt und auf d. Internationalen Ausstellung im Juli 1939 im Palais des Fêtes in Liege aufgeführt von großen Orchester[n].
Das wäre ja alles recht günstig, wenn das Thema nicht das Wasser sein sollte und schon im Febr. eingeliefert werden müßte. Auf jeden Fall überlege es Dir gut, und befasse Dich vielleicht jetzt schon damit. Das mußt natürlich Du selbst wissen. Vielleicht könnte da Skulsky von Nutzen sein. Sonst ist keine Post gekommen.
Es wundert mich, daß bei Euch trübes Wetter ist, wir haben schon seit 2 Tagen den schönsten Sonnenschein, da gehe ich mit Richardi viel spazieren. Wenn Du aber zurück bist, muß er in den Kindergarten, schon damit ich besser Nijinsky arbeiten kann.

München, Sonntag (Brief): KAH in der Schweiz

München, den 13. Nov. 1938.

Mein lieber Karl!
Herzlichen Dank für Deine Karten. Ich verstehe Dich nur allzu gut und glaube mir, daß ich mit Dir fühle. Doch gib bitte Deinen Gefühlen nicht nach, jeder Mensch muß damit fertig werden. Und Du bist ja noch so jung und mußt deine Kraft und Nerven aufrecht erhalten. Du wirst beruflich noch viel, viel Kampf haben, bestimmt aber mit Erfolg, davon bin ich fest überzeugt: Immer wieder muß ich Dir sagen, Mut! sei zuversichtlich wir erreichen unser Ziel und haben schon viel erreicht.
Gestern kam die Antwort aus Belgien wegen des Preisausschreibens. In Liege (Lüttich) ist ein Internationales Preisausschreiben für den „Guillaume Leken“ Preis. Er ist zu Ehren des Wallonischen Komponisten. Es ist dort eine Ausstellung des Wassers unter dem Hauptvorsitz von Monsieur G. Bodinanx. Es werden 2 Preise verteilt. Der 1. Preis zu 20,000 frs., der zweite Preis zu 15,000 frs. und neun (9) weitere Werke werden mit je 1000 frs. belohnt. Die Komponisten dürfen nicht über 35 Jahre alt sein. Bis 1. Januar muß der Komponist schriftlich Mitteilung machen, ob er sich beteiligen möchte. Vorzutragende Werke: Es muß ein unveröffentlichtes Werk sein für großes Symphonieorchester und muß als Thema das Wasser behandeln. Sei es die Maß [Maas], die Schelde, die Iser, die Sündflut, der Strom, die Flut, die Überschwemmung, das Meer oder d. Quelle. Das Werk kann in einer oder mehrere Partien geschrieben sein. Es soll 15 Min. lang sein aber nicht länger als 20 Min. Die Partituren welche der Jury vorgelegt werden, müssen einen undiskutablen musik. u. Orchesterwert haben. Auch ein Klavierauszug muß vorgelegt werden, außerdem kann man das Werk selbst am Klavier vorspielen oder vorspielen lassen. Das Werk muß spätestens am 15. Feb. 1939 eingeliefert werden. Die Jury besteht aus 5 Herren, davon 3 Belgiern, den Vorsitz hat ein Belgier (Namen sind nicht genannt). Die prämierten Werke werden gedruckt und auf d. Internationalen Ausstellung im Juli 1939 im Palais des Fêtes in Liege aufgeführt von großen Orchester[n].
Das wäre ja alles recht günstig, wenn das Thema nicht das Wasser sein sollte und schon im Febr. eingeliefert werden müßte. Auf jeden Fall überlege es Dir gut, und befasse Dich vielleicht jetzt schon damit. Das mußt natürlich Du selbst wissen. Vielleicht könnte da Skulsky von Nutzen sein. Sonst ist keine Post gekommen.
Es wundert mich, daß bei Euch trübes Wetter ist, wir haben schon seit 2 Tagen den schönsten Sonnenschein, da gehe ich mit Richardi viel spazieren. Wenn Du aber zurück bist, muß er in den Kindergarten, schon damit ich besser Nijinsky arbeiten kann.

  • Date
  • 13 Nov 1938

München (Karte): E.R. in München

„Ich fahre am Dienstag ab, wenn ich abfahre und ankomme weiß ich noch nicht − ich werde viel erzählen.“
„Am Mittwoch werde ich mich mit Herrn Staatskapellmeister Tutein in Verbindung bringen. Aus Brüssel habe ich gute Nachricht. Nun habe ich mich mit Bern (Schweiz) in Verbindung gesetzt. Scherchen arbeitet in Paris mit Marya Freund. Nun muß ich mal sehen, dass ich zu Scherchen nach Paris komme. […] sollte mein Concert in München nicht klappen − so beginne ich gleich was neues.“ Hinweis von KAH, daß es seiner Mutter besser ginge. Er hatte sie offensichtlich besucht; „Adolf & Dölze bleiben dort“.

München (Karte): E.R. in München

„Ich fahre am Dienstag ab, wenn ich abfahre und ankomme weiß ich noch nicht − ich werde viel erzählen.“
„Am Mittwoch werde ich mich mit Herrn Staatskapellmeister Tutein in Verbindung bringen. Aus Brüssel habe ich gute Nachricht. Nun habe ich mich mit Bern (Schweiz) in Verbindung gesetzt. Scherchen arbeitet in Paris mit Marya Freund. Nun muß ich mal sehen, dass ich zu Scherchen nach Paris komme. […] sollte mein Concert in München nicht klappen − so beginne ich gleich was neues.“ Hinweis von KAH, daß es seiner Mutter besser ginge. Er hatte sie offensichtlich besucht; „Adolf & Dölze bleiben dort“.

  • Jahr
  • Undatiert, wahrscheinlich 1934

München, Donnerstag (Brief): KAH in Winterthur

München, den 10. Nov. 1938.

Mein lieber, lieber, guter Karl!
Hast Du eigentlich meine Post bekommen? Ich danke Dir für die Schokolade und auch Mama läßt Dir schön danken. Ich esse ja das meiste davon. Richardi freut sich immer ganz besonders und für Dich ißt er dann auch ein paar Bissen noch extra.
Uns geht es gut. Ich war heute früh mit Adolf in der Stadt, er ist gerade sehr nervös. Ich glaube er ist überarbeitet. Nun habe ich eine Bitte an Dich. Versuche doch einmal herauszubekommen, ob Nijinsky noch in Kreuzlingen ist, oder ob er wirklich wieder gesund ist. Ich bin in letzter Zeit nicht sehr weit gekommen, weil ich für die allgemeine Inhaltsangabe von jedem Kapitel eine Mustervorlage von See erwarte. Und der läßt sich zu allem viel Zeit, weil er noch seine andere Haydnsache für den Rundfunk fertig arbeiten will.
Du solltest an die Juryfreien vom kommenden Musikfest schreiben. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Was macht Hermann? Hast Du ihn nocheinmal [sic] getroffen? Die Sache mit der Oper solltest Du nicht so forcieren, wenn nichts daraus wird ist es nicht so schlimm, vielleicht sogar besser.
Mein lieber, lieber Karl, ich möchte Dir nochmals sagen, daß Du meinetwegen nicht eher kommen brauchst, als Du wirklich willst. Ruhe Dich ordentlich aus. Mir ist es lieber, du kommst etwas erholt zurück, als so nervös wie Du abgefahren bist. Das wichtigste ist mir, daß Du lieb wirst und nicht so, wie in den letzten Wochen. Ich freue mich wieder sehr, sehr auf unser Wiedersehen, wir müssen aber auch gegenseitig ruhiger werden.
Ich hab Dich ja so lieb und nur deshalb bin ich bei Dir so empfindlich. Meine innigsten Wünsche begleiten Dich auf allen Wegen, sei tausendmal umarmt und innig geküßt von Deiner Elisabeth.
Morgen gehe ich zum Arzt wegen der Flecken an meinem Arm.

München, Donnerstag (Brief): KAH in Winterthur

München, den 10. Nov. 1938.

Mein lieber, lieber, guter Karl!
Hast Du eigentlich meine Post bekommen? Ich danke Dir für die Schokolade und auch Mama läßt Dir schön danken. Ich esse ja das meiste davon. Richardi freut sich immer ganz besonders und für Dich ißt er dann auch ein paar Bissen noch extra.
Uns geht es gut. Ich war heute früh mit Adolf in der Stadt, er ist gerade sehr nervös. Ich glaube er ist überarbeitet. Nun habe ich eine Bitte an Dich. Versuche doch einmal herauszubekommen, ob Nijinsky noch in Kreuzlingen ist, oder ob er wirklich wieder gesund ist. Ich bin in letzter Zeit nicht sehr weit gekommen, weil ich für die allgemeine Inhaltsangabe von jedem Kapitel eine Mustervorlage von See erwarte. Und der läßt sich zu allem viel Zeit, weil er noch seine andere Haydnsache für den Rundfunk fertig arbeiten will.
Du solltest an die Juryfreien vom kommenden Musikfest schreiben. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Was macht Hermann? Hast Du ihn nocheinmal [sic] getroffen? Die Sache mit der Oper solltest Du nicht so forcieren, wenn nichts daraus wird ist es nicht so schlimm, vielleicht sogar besser.
Mein lieber, lieber Karl, ich möchte Dir nochmals sagen, daß Du meinetwegen nicht eher kommen brauchst, als Du wirklich willst. Ruhe Dich ordentlich aus. Mir ist es lieber, du kommst etwas erholt zurück, als so nervös wie Du abgefahren bist. Das wichtigste ist mir, daß Du lieb wirst und nicht so, wie in den letzten Wochen. Ich freue mich wieder sehr, sehr auf unser Wiedersehen, wir müssen aber auch gegenseitig ruhiger werden.
Ich hab Dich ja so lieb und nur deshalb bin ich bei Dir so empfindlich. Meine innigsten Wünsche begleiten Dich auf allen Wegen, sei tausendmal umarmt und innig geküßt von Deiner Elisabeth.
Morgen gehe ich zum Arzt wegen der Flecken an meinem Arm.

  • Date
  • 10 Nov 1938

(P: Winterthur), Mittwoch (Karte): E.H. in München (W: 8)

Liebe Elisabeth – ich war nachmittag in der Probe von Scherchen – seine Frau war da, ich begrüßte – ging aber gleich nach der Probe weg – da sahen wir uns: Scherchen und ich – aber kein Wort – kein Gruß nichts – dann ging ich in einen Laden kaufte Nelken und schickte Shussien Blumengrüße und „Ihren lieben Herrn Gemahl meine besten Wünsche“ – und nun ist es wieder aus (wie lange) (bin ich die Solve[i]gh?) Ich glaube wir kommen nie mehr auseinander. Morgen früh fahre ich nach Zürich (ich werde am 22. XI. in München ankommen). Sei meines Glückes Freud verbunden Dein armer Krl
ich hoffe daß niemand (aber auch niemand) meine Post liest.

(P: Winterthur), Mittwoch (Karte): E.H. in München (W: 8)

Liebe Elisabeth – ich war nachmittag in der Probe von Scherchen – seine Frau war da, ich begrüßte – ging aber gleich nach der Probe weg – da sahen wir uns: Scherchen und ich – aber kein Wort – kein Gruß nichts – dann ging ich in einen Laden kaufte Nelken und schickte Shussien Blumengrüße und „Ihren lieben Herrn Gemahl meine besten Wünsche“ – und nun ist es wieder aus (wie lange) (bin ich die Solve[i]gh?) Ich glaube wir kommen nie mehr auseinander. Morgen früh fahre ich nach Zürich (ich werde am 22. XI. in München ankommen). Sei meines Glückes Freud verbunden Dein armer Krl
ich hoffe daß niemand (aber auch niemand) meine Post liest.

  • Date
  • 9 Nov 1938

(P: Winterthur), Mittwoch (Karte): E.H. in München (W: 8)

Mein liebes Weib!
Heute fuhr ich nach Winterthur und fand Deine liebe Post vor. Tausend Dank. Die Zeit geht wahnsinnig vorbei. Nun ist es schon wieder Abend – schwer lastet das Grau und Feuchte auf uns. Ein[e] unheimliche Schwermut drückt einen nieder. Wie sehn ich mich nach Frieden – doch dies bleibt mir sehr fern – vielleicht besser – wer weiß!? gib mir Ruhe Dein Kl.

(P: Winterthur), Mittwoch (Karte): E.H. in München (W: 8)

Mein liebes Weib!
Heute fuhr ich nach Winterthur und fand Deine liebe Post vor. Tausend Dank. Die Zeit geht wahnsinnig vorbei. Nun ist es schon wieder Abend – schwer lastet das Grau und Feuchte auf uns. Ein[e] unheimliche Schwermut drückt einen nieder. Wie sehn ich mich nach Frieden – doch dies bleibt mir sehr fern – vielleicht besser – wer weiß!? gib mir Ruhe Dein Kl.

  • Date
  • 9 Nov 1938