Bibiana Beglau (Rezitation) & Andreas Skouras (Klavier) // hartmann21

„Die Welt als Schlachthaus“ – für Karl Amadeus Hartmann wie für Heiner Müller war dies keine theoretische Erfahrung, sondern erlebte Wirklichkeit. In den letzten Kriegstagen vor dem endgültigen Zusammenbruch des menschenverachtenden „Dritten Reiches“ komponiert, beschließt die Sonate „27. April 1945“ für Klavier Solo den Kanon an Kompositionen, mit denen Hartmann seit 1927 unermüdlich gegen den sich anbahnenden und 1933 sich durchsetzenden Nationalsozialismus an-komponierte. Er verweigerte sich rigoros jeglicher Vereinnahmung durch das totalitäre Regime in Deutschland und begab sich in die Innere Emigration, während er als Komponist umso beredter im Ausland zu sprechen versuchte. Hartmann betrauert aber in seiner Musik nicht nur den Verlust an Humanität, sondern klagt an und versteht sein Komponieren explizit als „Gegenaktion“. Auch für Heiner Müllers Werk ist das „Schlachthaus“ zum Topos geworden. Zwischen den Polen eines end- und aussichtslosen Kreislaufs der Gewalt und der Utopie einer Revolution – „die Lücke im Ablauf, das Loch in der Ewigkeit“ – oszillieren seine Texte als Werke und Gegenwerke.
Für die Lesung der Textauszüge aus „Hamletmaschine“ und „Verkommenes Ufer – Medeamaterial – Landschaft mit Argonauten“ konnte mit Bibiana Beglau eine der renommiertesten Schauspielerinnen gewonnen werden. An Hartmanns historischem Flügel wird sie begleitet von Andreas Skouras, einem der versiertesten Interpreten des Œuvres Bernd Alois Zimmermanns.

Eine Veranstaltung der © Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft e. V., gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und den Bezirk Oberbayern.

#Listen#Out#3 (2018)

Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 komponiert, steht das 1. Streichquartett Karl Amadeus Hartmanns exemplarisch für den Kanon an Kompositionen, mit denen er gegen den Nationalsozialismus ankomponierte. Als 28jähriger verweigerte er sich rigoros jeglicher Vereinnahmung und begab sich in Deutschland in die Innere Emigration. Er schmuggelte seine Werke jedoch ins Ausland, um dort umso beredter zu sprechen. Durch stetiges Einbeziehen von sich zu Klage- und Anklagechiffren erhebenden jüdischen Melodien (insbesondere des Pessach-Liedes Eliyahu hanavi) sowie Musik- und Textzitaten verfemter und verbotener Künstler, versuchte Hartmann in sämtlichen Kompositionen seine Botschaft von grenzenloser Humanität nach außen zu tragen.
Des weiteren widmet sich unser ensemble hartmann21 Kompositionen der jungen Dresdner Komponistin Jadwiga Frej (UA) und des renommierten Komponisten Mark Andre. Die einundzwanzigjährige, in Polen gebürtige und in Dresden aufgewachsen und lebende Jadwiga Frej muss man bereits jetzt zu den spannendsten Stimmen Ihrer Generation zählen. Der 1964 in Paris geborene Komponist Mark Andre schafft in seiner Musik existentielle Erfahrungsräume, die von subtilen Veränderungsprozessen geprägt sind. „Kartenhäuser des Klangs, die kein Wind umzublasen vermag“ nannte das Hamburger Abendblatt seine ebenso feinen wie konzentrierten Kammermusiken. Neben …zu…, dessen Titel sich auf die Offenbarung des Johannes aus Patmos bezieht (22,5), gesellt sich Andres iv8. „iv“ steht hierbei als Abbreviatur für i(ntro)v(ertiertheit). Es geht um innere kompositorische Räume, die durch die Fokussierung auf fluktuierende und zerbrechliche Klanggestalt entwickelt werden.
Wo liegen die Grenzen der Wahrnehmung, der Notation, der Klangerfahrung? Diesen Fragen möchten wir gemeinsam mit den anwesenden Komponisten Jadwiga Frej und Mark Andre nachspüren.

Eine Veranstaltung der © Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft e. V., gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, die LfA Förderbank Bayern und den Bezirk Oberbayern.

#Listen#Out#2 (2018)

Mit Helmut Lachenmann und Peter Eötvös können wir zwei der prägnantesten Komponistenpersönlichkeiten begrüßen, die die Musikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts entscheidend geprägt haben. Insbesondere durch ein systematisches Erkunden der Instrumente und der innovativen Erweiterung ihrer Spieltechniken setzte Lachenmann ganz individuelle Impulse. Auf diese Weise wird die Art der Entstehung von Musik ebenso mit einbezogen wie z. B. Klangfarbe und Lautstärke. Das 1968 entstandene „TemA“ dürfte eine der ersten Kompositionen sein, in denen das Atmen als akustisch vermittelter, energetischer Vorgang thematisiert wurde. Ganz im Sinne Karl Amadeus Hartmanns nimmt Musik hier ein gesellschaftskritisches Potenzial in Anspruch: „Schönheit als verweigerte Gewohnheit.“ (Helmut Lachenmann)
Auch Peter Eötvös lotet in seinen Werken „Psy“ für Flöte, Violoncello und Klavier und „Two poems to Polly“ (Text von Lady Sarashina aus dem 11. Jahrhundert) für einen „sprechenden Cellisten“ das Spannungsfeld zwischen Klang und Sprache aus. Seine Musik weist eine sprachanaloge Faktur auf und schöpft aus einem reichen Fundus an Farben und Stimmungen. Eine besondere Freude ist es, Peter Eötvös – einer der renommiertesten Dirigenten und Pianisten – auch als Interpreten seiner eigenen Kompositionen „Erdenklavier – Himmelklavier“ sowie „Un taxi l´attend, mais Tchékhov préfère aller à pied“ begegnen zu können.
Auch mit unserem neuen eigenen ensemble hartmann21 fühlen wir uns weiterhin der Intention Hartmanns verpflichtet, junge hochtalentierte Komponisten und Interpreten zu fördern. In diesem singulär komponierten Programm möchten wir Ihnen den Ungarn Máté Balogh und den in München lebenden Schweden Henrik Ajax vorstellen, die sich in ihren neu entstandenen Werken auf die beiden „Lichtgestalten“ der zeitgenössischen Musik Lachenmann und Eötvös beziehen, inhaltlichen Bezügen nachspüren und auf jeweils individuelle Weise das Thema „Musik und Sprache“ reflektieren und verdichten.

Eine Veranstaltung der © Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft e. V., gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, die LfA Förderbank Bayern und den Bezirk Oberbayern.

Vortrag von Andreas Hérm Baumgartner

Im Rahmen der „Tage der Bayerischen Schulmusik“ (8. bis 10. März 2018) hielt Andreas Hérm Baumgartner einen Vortrag mit dem Titel „Klage – Anklage – Gegenaktion. Auf den Spuren von Karl Amadeus Hartmanns musikalischem Widerstand“

Diesen Vortrag und weitere musikwissenschaftliche Texte finden Sie hier.

Premierenkonzert ensemble hartmann21 // #Listen#Out#1 // Vexierbilder

SZ (01.02.2018): „Die Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft leistet sich ein neues eigenes Ensemble. Der kritische Geist es Namensgebers soll damit in die Gegenwart geholt werden.“

In besonderer Weise fühlen wir uns der Intention Karl Amadeus Hartmanns verpflichtet, junge hochtalentierte Komponisten und Interpreten zu fördern und sie an die humanistische und gesellschaftspolitische Dimension seiner Werke heranzuführen. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe hartmann21 mit seinen Solistenkonzerten und dem Format „Podium junger Komponisten“ wurde diesem Ansinnen in den vergangenen zwei Saisons Rechnung getragen. Nun möchten wir darauf aufbauen, aber auch neue Wege gehen und Ihnen erstmalig unser neugegründetes Ensemble vorstellen, das ensemble hartmann21.
Um die Förderung junger nationaler wie internationaler Komponisten noch zu intensivieren und inhaltlich eine höh- ere Verdichtung zu erreichen, haben wir auch ein neues Konzept für unsere Konzertreihe entwickelt. Wesentlicher Bestandteil ist dabei die Zusammenarbeit mit herausragen- den Komponisten und Interpreten, wie z. B. Peter Eötvös und Helmut Lachenmann (Konzert Juni 2018) oder Mark André (Konzert Oktober 2018). Deren umfangreiche Erfahrung und internationale Vernetzung soll unseren Musikern und Komponisten zugute kommen und deren Qualität perspektivisch nach „Außen“ tragen.
Unter dem Titel „Vexierbilder“ freuen wir uns Ihnen in unserem Premierenkonzert neben Kompositionen Jörg Widmanns, Michael Jarrells und Toru Takemitsus auch Uraufführungen von Diana Syrse, Sebastian Schwab, Jan Masanetz, Tom Smith und Hans-Henning Ginzel präsentieren zu können. Von der Solo-, über die Duo- bis zur Trio-Besetzung wird Sie das ensemble hartmann21 in ein Spiel aus Licht und Schatten entführen.

Eine Veranstaltung der © Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft e. V., gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, die LfA Förderbank Bayern und den Bezirk Oberbayern.

Podium junger Komponisten (2/2017)

Ganz der Intention Karl Amadeus Hartmanns folgend wird mit dem „Podium junger Komponisten“ eine Plattform geschaffen, die es ausgewählten jungen Komponisten ermöglicht einen ganzen Abend programmatisch zu gestalten und dafür zeitlich umfassende Werke zu komponieren. An den großen Zeitdiagnostiker Karl Amadeus Hartmann anknüpfend entstehen so extra für dieses Konzert Werke, die bewusst eine künstlerische Auseinandersetzung mit unseren heutigen „Lebensrealitäten“ suchen. Im Mittelpunkt des Porträtkonzertes stehen Werke des Armeniers Arsen Babajanyan und des Georgiers Ovanes Ambartsumian. Beide begreifen Literatur als Inspirationsquelle Ihrer Werke. So werden Verse der Liebe wie der harten Lebensrealität des armenischen Dichters Hovhannes Tumanyan ganz unmittelbar für Gesang vertont, während das 30. Sonett William Shakespeares ausschließlich als gedankliche Grundierung einer rein instrumentalen Komposition dient.

Eine Veranstaltung der © Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft e. V. in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater München, gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, die Anja Fichte Stiftung, die Theodor-Rogler-Stiftung und die LfA Förderbank Bayern.

Thomas Zehetmair (Violine) & Ruth Killius (Viola) // hartmann21

Mit dem Geiger Thomas Zehetmair begegnet einer der herausragenden und aufregendsten Musiker dem Werk Hartmanns, setzt sich ihm aus, reflektiert, spürt Bezügen nach und lässt als Interpret den Zuhörer an seiner individuellen Erlebenswelt teilhaben. In einem singulär komponierten Programm kreiert Zehetmair gemeinsam mit der Bratscherin Ruth Killius ein Kaleidoskop an unterschiedlichen Blickwinkeln und Wahrnehmungsweisen und lässt einen auf diese Weise Hartmanns musikalisch progressive und in ihrer Klangsprache radikal grenzüberschreitende 2. Sonate für Violine solo neu erfahren. Nach Bach und Reger dürfte es erst wieder Hartmann gelungen sein, der Violine eine so ungewöhnlich komplexe Polyphonie zu schenken.
Das Thema der künstlerischen Sublimierung menschlicher Grenzerfahrungen verklammert die Konzerte der Saison 2017. In der Sonate für Viola solo aus dem Jahr 1955 verarbeitete Bernd Alois Zimmermann den Tod seiner Tochter im gleichen Jahr. In Anlehnung an Alban Bergs Violinkonzert versah er das Werk mit der Widmung: „ … an den Gesang eines Engels “. Der Schlussabschnitt der Kompositionzitiert den Choral „Gelobet seist Du Jesu Christ“. Zimmermann bezeichnete das Stück entsprech– end als Choralvorspiel. In diesem Sinne lassen sich die vorangegangenen Abschnitte als ein allmähliches Herauskristallisieren und Verdichten des Choralthemas verstehen, das gegen Ende des Werkes in seiner Reinform zutage tritt.
In Bohuslav Martinus Three Madrigals und Gideon Kleins Duo im Vierteltonsystem begegnen sich nun Violine und Viola und treten in mannigfaltiger Weise zueinander in Beziehung – mal als gleichberechtigter Partner, als obere und untere Seite eines Blattes oder als Objekt und sein Schatten. In den Three Madrigals, komponiert 1947 im amerikanischen Exil, ist ein spielerischer Humor am Werk. Neben und inmitten des Spiels wird aber auch eine tiefe Traurigkeit spürbar, die Lieder und Tänze aus der Vergangenheit in Erinnerung rufen. Was nicht mehr gesungen und getanzt werden kann, lässt sich immer noch spielen. Gideon Klein komponierte schlussendlich sein Duo im Vierteltonsystem im Jahre 1940 während seiner Studienzeit in Prag bei Alois Hába, dem Begründer der Mikrointervallkomposition und langjährigen Weggefährten Karl Amadeus Hartmanns.

Eine Veranstaltung der © Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft e. V., gefördert durch das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst sowie die Stiftung Künstlerische Musikpflege.

Alexander Lonquich (Piano), „Grenzgänge“ // hartmann21

Das dem Thema „Grenzgänge“ gewidmete Veranstaltungskonzept aus Konzert, Vortrag und Ausstellung mit Alexander Lonquich möchte die Zuhörer zum Miterleben von Grenzgängen besonderer Art einladen: sowohl Karl Amadeus Hartmanns Klaviersonate 27. April 1945 als auch Robert Schumanns achtzehnteiliger Zyklus Davidsbündlertänze thematisieren jeweils menschliche Grenzerfahrungen. In den letzten Kriegstagen vor dem endgültigen Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ komponiert, beschließt die Klaviersonate Hartmanns den Kanon an Kompositionen, mit denen er seit 1927 unermüdlich gegen den Nationalsozialismus ankomponierte und sich an ihm abarbeitete. Obwohl Karl Amadeus Hartmann zu Beginn der 1930er Jahre als der aufgehende Stern am Komponistenhimmel galt, verweigerte er sich rigoros jeglicher Vereinnahmung durch das totalitäre Regime und begab sich in die Innere Emigration, während er als Komponist umso beredter im Ausland zu sprechen suchte. Er wird deshalb in der Welt auch als der deutsche antifaschistische Komponist schlechthin wahrgenommen, der sich nicht nur aktiv in Widerstandskreisen betätigte, sondern mit seiner Musik laut und allgemein verständlich Stellung bezog. In sämtlichen, während der Jahre des Nationalsozialismus entstandenen Kompositionen versuchte Hartmann, durch stetiges Einbeziehen von sich zu Klage- und Anklagechiffren erhebenden jüdischen Melodien sowie Musik- und Textzitaten verfemter und verbotener Künstler, seine Botschaft von grenzenloser und von politischen Systemen unabhängiger Humanität nach außen zu tragen. Eine zentrale Bedeutung kommt hierbei dem jüdischen Pessachlied Eliyahu Hanavi zu, auf das er in sämtlichen Werken zurückgriff und das für ihn zur Chiffre für die jüdische Kultur wurde.
In der Sonate 27. April 1945 wächst der Melodie nochmals besondere Relevanz zu. Gerade im Wissen um die Bedeutung des Themas in seiner Werkgenese zeigt sich, um wen es in dieser Sonate geht: die durch den Holocaust nahezu vernichtete Bevölkerung jüdischer Herkunft, aber auch um die Andersdenkenden und Regimegegner, die Hartmann am 27. April 1945 in dem Todesmarsch von KZ-Häftlingen aus Dachau vorbeiziehen sah. Facettenreich ergänzt wird das Konzert um Grafiken des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka, dessen Werk dem Credo „Aufdeckung statt Flucht“ gehorcht, die Wunde im Alltäglichen sucht und – gleich Hartmann und Schumann – an die Empathie-Fähigkeit des Betrachters appelliert.
Die kafkaesken Trois Études blanches von Wilhelm Killmayer, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag begeht, komplettieren das Programm.

Eine Veranstaltung der © Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft e. V., gefördert durch das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst sowie die Stiftung Künstlerische Musikpflege.